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Kapitel 5

Diagnose und Förderung: Wer macht was?

Schulpsycholog:in, Lerntherapeut:in, Kinderarzt: Wer leistet was bei Verdacht auf Dyskalkulie oder Rechenschwäche, was kostet es, und worauf Eltern achten sollten.

PT

Pädagogisches Team

Pädagog:in · Veröffentlicht am 2026-04-30

Wann braucht es eine Diagnose?

Eine offizielle Diagnose ist nicht in jedem Verdachtsfall nötig. Es hängt davon ab, was Sie damit erreichen wollen.

Eine Diagnose brauchen Sie, wenn:

  • Sie schulischen Nachteilsausgleich beantragen wollen (Zeitzuschlag, andere Bewertungsmaßstäbe, Aufgaben-Anpassungen)
  • Sie eine Lerntherapie über Eingliederungshilfe (§ 35a SGB VIII) finanziert bekommen wollen
  • die Schule ohne Diagnose das Kind weiter als „faul” oder „unbegabt” einordnet, was emotional auf Dauer schädlich ist
  • Sie für eigene Entscheidungen Klarheit brauchen, ob es eine spezifische Lernstörung ist oder eine andere Ursache

Eine Diagnose ist optional, wenn:

  • Sie ohnehin gezielt fördern (Lerntherapie-Selbstzahler, häusliches strukturiertes Üben), und das auch ohne Diagnose
  • die Schule mit dem Kind kooperativ umgeht
  • Ihr Kind selbst keinen Druck hat und die Förderung freiwillig läuft

In beiden Fällen gilt: Förderung kann auch vor und ohne formale Diagnose stattfinden. Niemand muss auf den Termin warten.

Wer macht was?

Bei Verdacht auf Dyskalkulie oder Rechenschwäche kommen Sie mit drei Berufsgruppen in Berührung. Sie haben unterschiedliche Aufgaben.

Schulpsychologischer Dienst

Was leistet er: Erste qualifizierte Einschätzung, oft kostenfrei über die Schule, manchmal mit Wartezeiten. Standardisierte Mathematik-Tests, kognitive Profile, Empfehlung für nächste Schritte.

Was leistet er nicht: In der Regel keine Lerntherapie selbst, keine Diagnostik, die für Eingliederungshilfe ausreicht.

Wann sinnvoll: Wenn Sie einen niedrigschwelligen Einstieg suchen, keine Wartezeit auf eine private Diagnostik in Kauf nehmen wollen oder die Schule den Verdacht selbst geäußert hat.

Lerntherapeut:in (DVLD- oder FiL-zertifiziert)

Was leistet sie: Vertiefte Diagnostik mit standardisierten Tests und kognitivem Profil. Schreibt einen ausführlichen Befundbericht. Übernimmt im Anschluss die Lerntherapie selbst, in 1:1-Sitzungen, typischerweise wöchentlich über mehrere Monate bis Jahre.

Was sie nicht leistet: Keine medizinische Diagnose im engeren Sinn (z. B. ADHS), aber sie kann hinüberverweisen.

Wann sinnvoll: Wenn der Verdacht klar ist und Sie eine fundierte Diagnostik plus mögliche Therapie aus einer Hand wollen. Das ist der übliche Weg, wenn Eingliederungshilfe (§ 35a SGB VIII) beantragt werden soll.

Worauf achten: Achten Sie auf die Zertifizierung DVLD (Dachverband Lerntherapie Deutschland) oder FiL (Fachverband für integrative Lerntherapie). Beide setzen eine fundierte Ausbildung voraus. „Lerntherapeut” allein ist kein geschützter Titel.

Kinder- und Jugendpsychiater:in

Was leistet sie: Medizinische Diagnostik bei zusätzlichen psychischen Belastungen, Komorbiditäten wie ADHS, Mathe-Angst, depressiver Verstimmung. Kann ADHS-Medikation verordnen, falls indiziert.

Was sie nicht leistet: In der Regel keine Mathe-spezifische Lerntherapie. Sie kann aber die diagnostische Klammer setzen.

Wann sinnvoll: Wenn neben der Mathe-Schwäche zusätzliche Symptome auftreten: ausgeprägte Mathe-Angst, allgemeine Aufmerksamkeitsprobleme, emotionale Belastung, Schulvermeidung. Bei klassischer „nur Mathe”- Schwäche reicht meist die Lerntherapie.

Wie eine seriöse Diagnostik abläuft

Eine ordentliche Diagnostik dauert in der Regel zwei bis drei Termine, oft über mehrere Wochen verteilt. Sie verbindet:

  1. Anamnese mit den Eltern: Schul-, Familien- und Entwicklungsgeschichte, bisherige Förderung, Beobachtungen
  2. Standardisierter Mathe-Test mit Normvergleich (welcher Test konkret hängt von der Altersgruppe ab)
  3. Vertieftes kognitives Profil: symbolischer Größenvergleich, Subitizing, Zahlenstrahl-Schätzung, Faktenabruf, Strategien
  4. Ausschlussdiagnostik: Sehen, Hören, Allgemein-IQ, Sprachverständnis
  5. Lese- und Aufmerksamkeits-Screening: weil LRS und ADHS häufige Komorbiditäten sind
  6. Ausführlicher Befundbericht mit Empfehlungen

Wenn die Diagnostik in einer Sitzung „durchgepeitscht” wird, oder wenn nur ein einzelner Mathe-Test gemacht wird, ist das zu wenig. Eine seriöse Abklärung kostet Zeit.

Eine App ersetzt das nicht. Auch der Selbsttest auf unserer Startseite ist ein Eltern-Screening, kein klinisches Verfahren.

Was kostet es?

Schulpsychologischer Dienst: Meist kostenfrei für Eltern, lange Wartezeiten möglich (4–8 Wochen sind nicht ungewöhnlich).

Privat-Diagnostik bei Lerntherapeut:in: Selbstzahler-Preis je nach Praxis und Region zwischen 300 und 800 €. Manche Krankenkassen beteiligen sich anteilig.

Lerntherapie selbst: Zwischen 60 und 100 € pro 50-Minuten-Sitzung, typischerweise wöchentlich. Bei Anerkennung als Eingliederungshilfe nach § 35a SGB VIII übernimmt das Jugendamt die Kosten. Voraussetzung ist eine entsprechende Diagnose und ein Antrag, der mit der Therapeut:in gemeinsam vorbereitet wird.

Kinder- und Jugendpsychiatrie: Über die gesetzliche Krankenversicherung abgerechnet, Wartezeiten oft mehrere Monate.

Schul-Nachteilsausgleich

Bei einer formalen Dyskalkulie-Diagnose haben Schulkinder Anspruch auf Nachteilsausgleich. Was das konkret bedeutet, hängt vom Bundesland und der Schulart ab, typische Bausteine sind:

  • mehr Bearbeitungszeit bei Klassenarbeiten
  • Aufgaben in einfacherer Sprache
  • Erlaubnis, Hilfsmittel (Zahlenstrahl, Stellenwerttafel) zu nutzen
  • alternative Bewertungsmaßstäbe in Mathematik
  • Befreiung von Notenrelevanz in bestimmten Phasen

Der Antrag läuft meist über die Schulleitung, manchmal über das zuständige Schulamt. Die Diagnose-Befundberichte aus der Lerntherapie sind die Grundlage. Es lohnt sich, diesen Weg zu gehen, weil er das Kind in der Schule deutlich entlastet.

Worauf Eltern bei der Suche achten sollten

Bei Lerntherapie-Praxen:

  • DVLD- oder FiL-Zertifizierung
  • Spezialisierung auf Rechenstörungen (nicht jede Lerntherapie ist auf Mathe spezialisiert)
  • transparente Preisgestaltung, schriftliche Therapievereinbarung
  • Erstgespräch oft kostenfrei oder zu reduziertem Preis
  • regelmäßige Elterngespräche zum Verlauf

Bei der Diagnostik:

  • standardisierte Tests, nicht nur Beobachtung
  • mehrere Termine, nicht eine einzige Sitzung
  • ausführlicher schriftlicher Befund mit Förderempfehlung
  • Kontrolltermine nach 6–12 Wochen, um den Verlauf zu überprüfen

Warnzeichen, die für Skepsis sprechen:

  • „Garantierte Heilung” wird versprochen (gibt es nicht)
  • es wird nur ein Programm verkauft (App, Buch, Training), ohne Diagnostik
  • Diagnose erfolgt in einer Sitzung
  • der Preis ist auffällig niedrig oder auffällig hoch ohne Begründung
  • es wird keine Verbindung zur Schule und zum Kinderarzt gesucht

Was KAZU hier leisten kann, und was nicht

KAZU ist die strukturierte Übungsschicht für zu Hause. Wir können das tägliche Üben übernehmen, damit Sie als Eltern nicht jeden Abend die Mathe-Polizei sein müssen. Wir bauen Übungen, die das Schwierigkeits­ fenster halten, Frustration abfangen und sichtbare Mengen ins Spiel bringen.

Was KAZU nicht ersetzt:

  • die Diagnostik selbst
  • die Lerntherapie im 1:1-Kontakt
  • die emotionale Begleitung durch eine erwachsene Bezugsperson, die selbst nicht ungeduldig wird

KAZU funktioniert am besten, wenn es zusammen mit einer Lerntherapie genutzt wird oder als Brücke zur Lerntherapie, während Sie auf einen Termin warten.

Nächste Schritte

  1. Lesen Sie das Kapitel Früherkennung, um Ihre Beobachtungen zu sortieren.
  2. Machen Sie den Selbsttest, wenn Sie es noch nicht getan haben.
  3. Sprechen Sie mit der Klassenleitung über das, was Sie zu Hause sehen.
  4. Suchen Sie eine zertifizierte Lerntherapie-Praxis (DVLD oder FiL) in Ihrer Region oder einen Termin beim schulpsychologischen Dienst.
  5. Bis zum Termin: starten Sie mit häuslichem Üben aus dem Kapitel Zu Hause üben. Förderung ist auch ohne Diagnose hilfreich.

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